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Zur Notwendigkeit einer Neuedition von Kyrill von Alexandrien, Contra Iulianum

Von Wolfram Kinzig
[Auszug aus einem auf der Patristic Conference in Oxford 1995 gehaltenen Vortrag; erschienen in: Studia Patristica 29 (1997) 484-494.]

Kyrill von Alexandrien (ca. 380-444) muß ich diesem gelehrten Kreise nicht eigens vorstellen: Der Neffe des Erzbischofs Theophilus von Alexandrien wurde unmittelbar nach dem Tode seines Onkels als dessen Nachfolger ordiniert. Sein Archiepiskopat dauerte nicht weniger als 32 Jahre (412-444). In den christologischen Streitigkeiten des fünften Jahrhunderts spielte er bekanntlich eine führende Rolle. Seine größte, aber auch umstrittenste kirchenpolitische Leistung bestand darin, daß er die Verurteilung des Nestorius von Konstantinopel auf dem Konzil von Ephesus (431) durchsetzte, eine wichtige Voraussetzung für die spätere Abspaltung der nestorianischen Kirchen von der Catholica. Unter Kyrill konnte Alexandrien seine Stellung als - neben Konstantinopel - einflußreichster Thronos im Osten befestigen und ausbauen.

Kyrill war ein fruchtbarer Autor: Seine erhaltenen Werke umfassen allein zehn Bände von Mignes Patrologia Graeca (Bd. 68-77). Der überwiegende Teil seines Oeuvre besteht in exegetischen Arbeiten. Darüber hinaus sind eine große Anzahl von Briefen, Predigten und polemischen Schriften erhalten. Die Mehrzahl der polemischen Werke befaßt sich mit der nestorianischen Kontroverse. Hinzu kommen Angriffe auf den Arianismus und ein antipaganes Werk, nämlich Contra Iulianum.

Die Zeiten der Abfassung und der Veröffentlichung von Contra Iulianum sind nach wie vor Gegenstand einer wissenschaftlichen Kontroverse. Die Unsicherheiten in der Datierung hängen damit zusammen, daß der genaue Anlaß für die Abfassung dieses Werkes gegen Kaiser Julian, der damals bereits seit etwa zwei Generationen tot war, nicht ausreichend geklärt ist.

Darüber hinaus kennen wir nicht einmal den ursprünglichen Umfang der Schrift, von der nur die ersten zehn Bücher vollständig erhalten sind. Da diese Bücher sich nur gegen das erste Buch des möglicherweise drei Bücher umfassenden Werkes Julians Contra Galilaeos richten, da überdies Fragmente aus den Büchern 11-19 erhalten sind, die sich gegen Julians zweites Buch zu richten scheinen, hat man vermutet, daß Contra Iulianum ursprünglich 30 Bücher umfaßt haben muß. Bislang gibt es jedoch keine äußere Bezeugung dafür, daß die Bücher 20-30 überhaupt je existiert haben. Zentrale Fragen in der Forschung zu Contra Iulianum sind also noch ungeklärt. 

Bisher gibt es keine vollständige kritische Edition dieses Werkes; lediglich Buch 1 und 2 sind in einer editio minor in den Sources Chrétiennes erschienen, betreut von Paul Burguière und Pierre Évieux. Die in Kyrills Schrift erhaltenen Fragmente von Contra Galilaeos wurden nach der älteren Ausgabe von Karl Johannes Neumann aus dem Jahre 1880 unlängst von Emanuela Masaracchia auf der Grundlage neuer Kollationen ediert und vorzüglich kommentiert. Für den Rest des Werkes sind wir noch immer auf die Ausgabe von Ezechiel Spanheim aus dem Jahre 1696 angewiesen, die ihrerseits auf eine Edition durch Jean Aubert aus dem Jahre 1638 zurückgeht und in Mignes Patrologia Graeca (Bd. 76) nachgedruckt wurde. Es gibt keine vollständige Übersetzung in eine moderne Sprache, geschweige denn einen Kommentar. Dies ist um so bedauerlicher, als Contra Iulianum eine zentrale Stellung in der Literatur des fünften Jahrhunderts zukommt. Ich möchte diese Bedeutung in vier Punkten zusammenfassen:

1. Philologische Bedeutung: Über die Entwicklung des nachklassischen Griechisch sind wir bislang nur sehr unvollkommen informiert. Dies gilt in besonderem Maße für das fünfte Jahrhundert, für das keine zusammenfassenden Untersuchungen zur Verfügung stehen. Kyrill kommt in dieser Entwicklung schon aufgrund des Umfangs seines erhaltenen Oeuvre und seiner eigenen hohen gesellschaftlichen Stellung ein zentraler Platz zu. Dennoch fehlen Untersuchungen zu Kyrills Vokabular, Syntax und Stilistik fast völlig. Derartige Untersuchungen sind jedoch nicht zuletzt deshalb notwendig, weil unsere lexikalischen Hilfsmittel für die fragliche Epoche völlig unzureichend sind. Eine kritische Edition könnte hierzu eine sichere Textgrundlage bieten.

2. Literaturhistorische Bedeutung: Wie schon seit längerem in der Forschung erkannt, ist Contra Iulianum eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion verlorener literarischer Werke der klassischen Antike sowie für die Rekonstitution des Textes erhaltener Schriften. Seine zahlreichen Zitate stammen teilweise aus zweiter Hand (etwa aus Clemens von Alexandrien, Eusebius von Caesarea, der pseudojustinischen Cohortatio ad Graecos und dem Didymus von Alexandrien zugeschriebenen Traktat De trinitate). Darüber hinaus bietet Kyrill jedoch literarische Bruchstücke, die er teilweise direkt den Quellen entnommen, teilweise aus (jetzt verlorenen) Mittelquellen bezogen hat. Zu nennen sind hier - neben den umfangreichen Fragmenten aus Julians Contra Galilaeos (s.u.) - etwa Zitate aus Homer, Kallimachos, Euripides, Menander, Sophokles, ferner aus griechischen Historikern sowie aus philosophischen Handbüchern und Traktaten von Ps.-Plutarch, Alexander von Aphrodisias, Philostratus, Plotin, Porphyrius sowie aus hermetischer Literatur. Aufgrund der mangelnden Zuverlässigkeit des kyrillischen Textes konnten diese Zitate bislang nur unzureichend ausgewertet werden. Eine kritische Edition könnte somit einen gewichtigen Beitrag zur Textgeschichte der Werke der genannten Autoren liefern.

3. Historische Bedeutung: Seit den Arbeiten von Schultze, Boissier und Geffcken zum "Untergang", "Ende" und "Ausgang des griechisch-römischen Heidentums" war das Interesse am Überleben des Heidentums speziell im fünften Jahrhundert in der Forschung deutlich zurückgegangen. Mit der Etablierung des Christentums als Staatsreligion unter Theodosius I. schien das Schicksal des Heidentums besiegelt gewesen zu sein. Dabei war zu diesem Thema das letzte Wort noch keineswegs gesprochen, wie das fundierte Buch Canivets zu der anderen großen apologetischen Schrift aus dieser Zeit, der Graecarum affectionum curatio Theodorets von Kyros, bewies. Erst seit Ende der achtziger Jahre hat man der Frage wieder verstärkt Aufmerksamkeit gezollt: 1978 gab Sabine MacCormack Geffckens Werk in einer englischen Bearbeitung neu heraus. Doch berücksichtigte auch sie in ihren aktualisierenden Ergänzungen zu Geffckens Klassiker Contra Iulianum ebenso wenig wie seinerzeit Geffcken selbst. Gleiches gilt für Ramsay MacMullens "Paganism in the Roman Empire", Peter Browns "The Making of Late Antiquity", Antonio Quacquarellis "Reazione pagana e trasformazione della cultura", Pierre Chuvins "Chronique des Derniers Païens" sowie G.W. Bowersocks "Hellenism in Late Antiquity". Der Schwerpunkt der Arbeit von Peter Thrams zum Thema "Christianisierung des Römerreiches und heidnischer Widerstand" liegt wiederum im vierten Jahrhundert. Die jüngste Publikation von Frank R. Trombley untersucht speziell den Prozeß der Christianisierung im fünften Jahrhundert. Doch auch er bezieht das uns hier interessierende Werk nicht in seine Untersuchungen mit ein. Die einzige mir bekannte Monographie, die sich speziell mit Contra Iulianum beschäftigt, stammt von William J. Malley. Indessen bietet sie kaum mehr als eine ausführliche Inhaltsangabe des Werkes, ohne die Apologie literarisch, historisch und theologisch einzuordnen.

Diese Vernachlässigung von Contra Iulianum von historischer Seite dürfte nicht zuletzt in den sprachlichen Schwierigkeiten begründet liegen sowie darin, daß das Werk bislang der Forschung noch nicht durch einen gesicherten Text, Apparate, Indizes und einer modernen Übersetzung zugänglich gemacht wurde. Eine angemessene Berücksichtigung der Schrift ist indessen dringendst zu fordern, will man der historischen Bedeutung der Auseinandersetzung zwischen Christen und Nichtchristen im fünften Jahrhundert gerecht werden. Allein der Umfang des Werkes ist ein Hinweis darauf, daß sich hinter dem Angriff gegen den - schon längst verstorbenen Gegner - eine aktuelle Kontroverse verbirgt. Der gelehrte Charakter der Apologie deutet ferner darauf hin, daß sich der Gegensatz zwischen altem und neuem Glauben im fünften Jahrhundert nicht mehr nur auf die Volksfrömmigkeit beschränkte, sondern gerade auch in den intellektuellen Zirkeln einer Weltstadt wie Alexandriens mit anhaltender Virulenz fortbestand, wobei in den daraus entstandenen Debatten Julians antichristliche Schrift offenbar eine zentrale Rolle spielte.

4. Geistesgeschichtlich-theologische Bedeutung: Kyrill hat in seinem Werk Contra Iulianum zahlreiche Fragmente aus der verlorenen Schrift Contra Galilaeos Kaiser Julians des "Abtrünnigen" (Regierungszeit 361-363) aufbewahrt, die es uns erlauben, die Argumentation dieses Werkes wenigstens in Umrissen zu rekonstruieren. Bei dieser Schrift handelt es sich - neben der "Wahren Rede" des Celsus sowie der antichristlichen Schrift des Porphyrius - um eine der wichtigsten antichristlichen Polemiken der Spätantike, die zu zahlreichen Widerlegungen Anlaß gegeben hat. Julians Attacken gegen das Christentum entspringen einer profunden Kenntnis der Bibel und der Theologie seiner Zeit und versuchen, die Ungereimtheiten und Widersprüche zentraler christlicher Lehren aufzuzeigen. Unter den erhaltenen Gegenschriften ist diejenige Kyrills bei weitem die umfangreichste. Dabei steht die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihr noch weithin unter dem Verdikt Geffckens, der von ihrer "Hurra-Religiosität" sprach und ihr einen "plumpen Dogmatismus", "unglaubliche Oberflächlichkeit" und "Gelehrsamkeit ohne Tiefe" bescheinigte. Daß man mit derartigen Etikettierungen dem Charakter Kyrills und seines Werks keineswegs gerecht wird, macht schon eine oberflächliche Lektüre deutlich. Sicher, Kyrill möchte über den Gegner triumphieren und die Überlegenheit des Christentums demonstrieren. Hierzu fährt er nahezu alle polemischen Waffen auf, die ihm aus dem Arsenal der zeitgenössischen Rhetorik zur Verfügung stehen. Doch ist diese Rhetorik nicht Selbstzweck, ist nicht sozusagen ein triumphales Kriegsgeschrei über einem schon längst am Boden liegenden Gegner, wie Geffckens Charakterisierung suggeriert. Zu solcher Einschätzung des Werkes kann nur kommen, wer verkennt, mit welcher Virulenz die Auseinandersetzung zwischen Heiden und Christen noch im fünften Jahrhundert verlief. Kyrill beschränkt sich denn auch in seiner Widerlegung Julians keineswegs auf eine gebetsmühlenhafte Wiederholung christlicher Formeln und geistlicher Gemeinplätze, sondern versucht, die Argumente des Gegners theologisch zu widerlegen. Diese theologische Auseinandersetzung ist nicht zuletzt auch deshalb von Bedeutung, weil sich hieran die Entwicklung von Kyrills Denken studieren läßt. Es wäre daher die Aufgabe des Kommentars zu einer kritischen Edition, Kyrills theologische Argumentation in Contra Iulianum theologiegeschichtlich und biographisch zu verorten. [...]
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