Sie sind hier: Startseite Forschung Chamberlainprojekt

Chamberlainprojekt

Houston Stewart Chamberlain und die "Völkische Bewegung"
– Edition des einschlägigen Briefwechsels 

 

Chamberlain 

 H.S. Chamberlain, Wien 1886.
Quelle: Pretzsch, Paul (Hg.), Briefe 1882-1924 und Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II, München 1928.

 

 

Houston Stewart Chamberlain, der "Evangelist des Rassismus", gehört zu den bekannten und prägenden Persönlichkeiten der Wilhelminischen Ära. Sein produktives schriftstellerisches Schaffen hat die deutsche Geistesgeschichte bis 1945 stark beeinflusst: In seinen Werken, allen voran den "Grundlagen des 19. Jahrhunderts", entwickelt er eine Weltsicht, getragen von rassistischem und antisemitischem Gedankengut, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereitwillig aufgenommen wurde und während des Nationalsozialismus den propagandistischen Zwecken der NSDAP diente. Sein großes literatur-, musik- und kunsthistorisches Interesse, seine geradezu fanatische Verehrung der "germanischen Rasse" und sein konsequentes Eintreten für den Hegemonialanspruch der Germanen niedergelegt in zahlreichen populärwissenschaftlichen Werken und Pamphleten fanden ein breites Publikum.

Durch die Heirat mit Eva Wagner, Tochter Richard und Cosima Wagners, und die Aufnahme in die innersten Kreise des Hauses Wahnfried in Bayreuth stieg der gebürtige Engländer zu einer zentralen Figur der deutschen intellektuellen Elite auf und trat mit Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur in engen Kontakt. So traf er mit Kaiser Wilhelm II. zusammen, dessen Antisemitismus und Expansionsstreben als wesentlich von den Schriften Chamberlains beeinflusst gelten darf. Aber auch umgekehrt war Chamberlain von der Bekanntschaft mit dem Hohenzollernmonarchen angetan, wie verschiedene Briefe zeigen. Abgelöst wurde die Verehrung des Kaisers nach dem Sturz der Monarchie von der messianischen Erwartungen ähnelnden Hoffnung, die Chamberlain mit Adolf Hitler verband und die - mal in kämpferischem, mal in sentimentalem Ton - in dem radikalen Rassisten einen "Erlöser" zu sehen glaubte.

Der Bayreuther Kulturphilosoph und Rassentheoretiker wurde auch in der evangelischen Theologie rezipiert und stand in intensivem Kontakt mit Adolf von Harnack. Eine umfassende Darstellung der Bedeutung Chamberlains für Theologie und Kirche insgesamt liegt bisher jedoch nicht vor. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass es für eine sachgerechte Darstellung notwendig ist, vielfältige gesellschaftliche und religiöse Tendenzen einzubeziehen und die Stellung Chamberlains in einem Geflecht religiös-politischer Verbände und Persönlichkeiten genau zu erfassen. Gerade das Wilhelminische Zeitalter und die Weimarer Republik zeichnen sich durch eine Verschmelzung politischer und religiöser Vorstellungen aus, deren verschiedene Ausprägungen unter dem Begriff "Völkische Bewegung" subsumiert werden. Die geplante Edition wird in diesem Zusammenhang einschlägige Quellen zugänglich machen, die das Verhältnis zwischen Houston Stewart Chamberlain und politisch wie religionsideologisch wichtigen Personen erhellen und damit für weitere kirchenhistorische Untersuchungen, aber auch Studien anderer Disziplinen einen bedeutenden Beitrag leisten.

 

Kontakt: Professor Wolfram Kinzig

Artikelaktionen